Ws 1999/2000

O Rei Da Vela von Oswald de Andrade



Über das Stück

Oswald de Andrade (1890-1945) gilt als einer der herausragenden Vertreter des brasilianischen "Modernismo". Neben seinem dramatischen Werk sind vor allem seine avantgardistischen Romane und die von ihm verfassten poetologische Manifeste, u.a. das berühmte "Manifesto Antropófago", von literarhistorischer Bedeutung. Sein Gesamtwerk zeichnet sich dadurch aus, dass er darin die gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit kritisch und ironisch reflektiert und dabei gleichzeitig spielerisch mit den literarischen Formen umgeht.
Dies charakterisiert auch das Theaterstück O Rei da Vela. Ironisch beleuchtet O. de Andrade die Doppelmoral der oberen Gesellschaftsschichten in Brasilien und entlarvt deren Arroganz als Fassade, die nur schwach die eigentlichen Abhängigkeitsverhältnisse überdeckt: die dekadente Aristokratie verkauft sich an die neureiche korrupte Bourgoisie, die sich wiederum vom US-amerikanischen Kapitalismus manipulieren lässt. Die "Demaskierung" setzt sich auf formaler Ebene fort. Konsequent unterzieht O. alle Elemente der Typenkomödie, sogar die Typenkomödie selber einem Verfremdungseffekt.
Nichts ist wie es scheint, alles ist Klischee.

Zusammenfassung

1. Akt

Im Büro des Pfandleihers und Kredithais Abelardo I, "o rei da vela" (der "Kerzenkönig"). In Gegenwart seines Sekretärs, Abelardo II, fertigt er brutal einen Kunden ab, der um Schuldenminderung bettelt. Nachdem der Gepeinigte fort ist, gehen der Kredithai und sein Sekretär die Liste der Schuldner durch, Abelardo I beauftragt seinen Mitarbeiter, den Gerichtsvollzieher auf alle zu hetzen. Die Schuldner, allesamt Emigranten, werden sprichwörtlich aus einem Käfig gelassen. Sie kommen hervor und beklagen sich bei ihrem Gläubiger, werden jedoch gnadenlos mit der Peitsche wieder vertrieben.

Nun tritt Heloísa auf, Tochter eines heruntergekommenen Großgrundbesitzers und Verlobte Abelardos. Die Hochzeit steht kurz bevor... Schnell wird allerdings deutlich, dass die Heirat auf rein geschäftlichen Motiven beruht: sie will sein Geld, um ihre Familie zu retten, er ihren aristokratischen Namen. Das Gespräch wird durch den Sekretär unterbrochen, der die Ankunft des reichen amerikanischen Bankiers Jones ankündigt. Abelardo I fordert Heloísa auf fortzugehen und empfängt voller Ehrerbietung seinen amerikanischen "Wohltäter".

2. Akt

Schauplatz ist nun eine tropische Insel bei Rio de Janeiro, die Abelardo seiner Zukünftigen gekauft hat. Nacheinander versucht er, Cesarina, die Mutter Heloísas, und Poloca, ihre Tante, zu verführen. Unterbrochen werden die Verführungsversuche durch den Auftritt Totós, dem Bruder Heloísas, der sich darüber beklagt, dass sein Freund ihn ausgerechnet mit einer Prostituierten aus der tiefsten Unterschicht betrogen habe, sowie durch den Auftritt Heloísas selbst und ihrer überdrehten Schwester Joana/Joo; im Mittelpunkt des Geschehens jedoch steht der Amerikaner Jones, der selber nur einmal kurz auftritt, aber dennoch in den Gesprächen der anderen Akteure immer präsent ist.

3. Akt

Ort der Handlung ist wieder das Büro von Abelardo I. Das "Heiratsgeschäft" zwischen ihm und Heloísa ist geplatzt: sein Sekretär und "alter ego" Abelardo II hat das ganze Vermögen veruntreut und seinen ehemaligen Arbeitgeber symbolisch nur einen Revolver hinterlassen. Mit diesem erschießt sich Abelardo I prompt. Die Zeit bis zu seinem Tod nutzt er, um weitschweifig und pathetisch in Gegenwart von Heloísa und seinem ehemaligen Sekretär das Testament zu machen: alles was Abelardo gehört hat, sein Geld, Heloísa und ihre Familie, gehört nun Abelardo (II). Dies wiederum - einschließlich das Recht der ersten Nacht mit Heloísa - ist Besitz des Amerikaners. Unverzüglich wird die Hochzeit Heloísas und Abelardo II gefeiert.



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Mitwirkende

Schauspieler:
  • Abelardo I - Jürgen Zeiher
  • Abelardo II - Renata Puddu
  • Cliente (Manoel Pitanga de Moraes) - Andreas Jahn
  • Heloísa - Beate Döscher
  • Americano (Mr. Jones) - Andreas Jahn
  • D. Cesarina - Leonor Lecca
  • D. Poloca - Melanie Grossmann
  • Joo dos Divs/ Joana - Stephanie Haupt
  • Totó - Tobie Fleurquin
  • Voz do povo - Nils Bodmann
  • Ponto - Beatriz M. Silva
Musik: Nils Bodmann (Gesang), Tobie Fleurquin (Gitarre), Marina Karagiannpoulos (Gitarre)

Diese Theateraufführung fand im Rahmen des Proseminars II "Portugiesisches und Brasilianisches Theater" statt, das im Wintersemester 1999-2000 von Cláudia Nogueira Brieger und Beatriz de Medeiros Silva (Romanisches Seminar der Universität Freiburg) abgehalten wurde.

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Aufführungen

Das Stück wurde am Mittwoch, den 23. Januar 2000 um 19.00 Uhr im Theatersaal der Alten Uni aufgeführt.

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Fotos

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